Tiefe, innige Freundschaften schließt man mit Schraubenziehern wohl eher selten. Man holt sie nur raus, wenn es mal was zu reparieren gibt oder wenn man sich gerade ein neues Billy-Regal bei IKEA gekauft hat. Danach verschwinden sie wieder still und heimlich im Werkzeugkasten. Oder auch in der Küchenschublade. Da habe ich nämlich meinen Retter versteckt. So ist er immer griffbereit, wenn mich die Wut packt und ich wieder einmal auf 180 bin. Ihr fragt euch sicher wieso.
Nun, liebe Leser, ich wohne hier nicht etwa in einem langweiligen, kahlen Haushalt. Nein, man könnte glatt meinen ich wohne bei Toys "R" Us. Die Spielzeugauswahl ist gigantisch. Puzzleteppiche auf dem Boden, Regale vollgestopft mit Spielen, Kuscheltiere die aus Ordnungsboxen quillen – wobei das Wort Ordnung hier absolut fehl am Platz ist. Selbst auf den Schränken stehen Bobbycars, Spielzeugrasenmäher und ein Mega-Eisenbahnset. Ohne ihren lebensgroßen Eisbär „Snowflake“ geht J. nirgendwo hin. Er hat einen eigenen Sitzplatz im Auto und eine eigene Decke in ihrem Bett. Dass er bzw. sie (sie trägt nämlich ein pinkes Kleid) größer ist als sie selbst, findet sie gut.
Papa sagt, dass sie ihren Ursus Maritimus auch gerne mit in die Schule nehmen darf. Ganz klasse. Er ist ja auch nicht derjenige, der jeden Tag mit Kind und Kegel in die Schule läuft und sie dort auch wieder abholt. Und ich trage den Bär ganz bestimmt nicht. Bär oder ich – basta.
Doch die Anzahl der Spielzeuge und die gigantische Farbenvielfalt sind noch lange nicht das, was mich Tag für Tag erschlägt. Nein, es kommt noch schlimmer. Alle, und ich meine wirklich alle, diese Spielzeuge machen Musik oder „kindgerechte“ Toneffekte. Es ist noch nicht mal so, dass sie nach Gebrauch von alleine ausgehen. Nach 5 Minuten beginnen die Lieder erneut oder es ertönt ein fröhliches „Come on, let’s play again!“. Ach nein, ich meinte ein „COME ON! LET’S PLAY AGAIN!!!!“ Wenn 5 dieser Teile gleichzeitig laufen haben wir im Wohnzimmer locker eine Lautstärke von 100db. Nur so zum Vergleich: Das ist so laut wie ein Presslufthammer.
Wenn man aber bedenkt, dass die Schmerzensgrenze bei 130db liegt ist doch alles im grünen Bereich. Und ich als Jungspund sollte mich ja nicht so anstellen, denn in der Disco ist es ja schließlich auch so laut.
Ein weiteres „Hörerlebnis“ bekomme ich regelmäßig bei Autofahrten. Von den tollen Leselern-DVDs habe ich ja schon berichtet, und Gott sei Dank kann man die sogar im Auto angucken. Schnarch. Leider hat unser Minivan nur Lautsprecher vorne und ganz ganz hinten. Die Zielgruppe – also die Kinder – sitzt aber in der Mitte. Die vorderen Lautsprecher werden also deaktiviert (kein erwachsener Mensch will diesen Schrott schließlich hören) und die hinteren werden voll aufgedreht. Fahrer und Beifahrer sind also in dem Glauben, dass alles ganz leise ist, während ich auf den billigen Plätzen die volle Dröhnung abkriege. „Arms up“. „Can you point to the word nose?“
Selbst Ohropax helfen nur in geringem Maße. Aber immerhin. Es ist ja schon schlimm genug, dass der 17 Monate alte T. nach 2 Monaten DVD gucken immer noch nicht lesen kann und nur seine Nase findet. Er hinkt echt hinterher, denn Augen und Ohren findet er nicht. Hoffen wir nur, dass letztere nicht geschädigt sind von all dieser Dauerbeschallung.
Nun aber zurück zur eigentlichen Geschichte und dem Schraubenzieher. Mein Hostdad ist so fleißig dass er in jedes Spielzeug, das keine Geräusche macht sofort neue Batterien einsetzt – oder es kommt eben in den Müll weil es langweilig ist. Für seine Kinder will er ja schließlich nur das Beste.
Dass ich tagsüber alle Aus-Schalter betätige und Batterien rausschraube wo es nur geht ahnt er nicht. Ich habe sogar angefangen, neue Batterien wieder gegen leere zu tauschen, in der Hoffnung, dass er irgendwann mal die Lust am stetigen Wechseln verliert. Aber darauf kann ich wohl ewig warten.
Bis dahin versuche ich alles Mögliche, um dem Kind und mir ein wenig Ruhe zu gönnen. Das haben wir beide verdient. T. mag es schließlich auch, wenn ich für ihn singe und nicht nur der Zwerg in der Torte oder die unbekannte Frau im Bobbycar. Und so oft es geht gehe ich raus in die Natur – da kann es nämlich auch ganz ohne Spielzeug spannend sein! Für meine Gastkinder will ich ja schließlich nur das Beste.
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