So. Wieder da aus den USA. Doch BBBB bleibt euch erhalten. Denn auch die Heimat bietet spannende, lustige und peinliche Geschichten.



Montag, 14. Januar 2013

Spurensuche

Es ist Montagabend, 21:21 Uhr. Ich sitze im ICE von Göttingen nach Frankfurt. 
Meine Wochenendreise war schön, wenn auch kalt. Frostige Temperaturen und Schnee, wie man es im Winter erwartet. Meine Zehenspitzen sind immer noch taub und eisekalt, obwohl ich schon seit einer halben Stunde durch die Finsternis ruckle. 
Der Zugchef bringt mich mit seinen Ansagen zum Lachen. Ich denke, er macht sich wie viele einen Spaß daraus, weil die doch wissen wie die Leute dem Rauschen lauschen und nur auf den einen berühmten Satz warten: 
"Sänk ju for träwelling wisz Deutsche Bahn."
Er spricht mystisch und langsam. So klingt selbst Kassel-Wilhelmshöhe wie eine Haltestelle die sonst nur der Hogwarts Express anfährt.
Wie so oft lese ich mobil. Das Magazin der Deutschen Bahn. Ein Artikel hat mich tatsächlich zum Nachdenken angeregt. Ein Artikel über Helgoland. Über einen Insulaner, der seit mehr als 20 Jahren verwaiste Heuler auf die Seehundstation bringt und sie dort aufzieht. 
Und wieder denke ich darüber nach, wie glücklich dieser Mensch wohl ist. Fernab vom Trubel unserer Leistungsgesellschaft. 
Dann ist da noch der andere Typ aus dem Artikel ganz hinten im Heft. Der betreibt eine der letzten Blaudruckwerkstätten Deutschlands. 
Und Steve Jobs sagte nur: "You've gotta find what you love." 
Genau das versuche ich herauszufinden. Als junger Mensch vor der Berufswahl hat man es nicht leicht heutzutage. Die vielen Möglichkeiten die man hat sind Fluch und Segen zugleich. 
Plötzlich ist man sich nicht mehr sicher. Doch lieber umorientieren und neu durchstarten bevor zu viel Zeit ins Land geht? Lieber erstmal Plan B gehen, dann hat man sicher was in der Tasche, obwohl man vielleicht lieber Plan A machen würde. Und irgendwie spürt man, dass man lieber was riskieren sollte obwohl alle sagen, dass es wohl nur Spinnerei sei.



Und schwupps. Da habe ich meinen Schreibfluss doch Tatsache unterbrochen. Für eine nette Bahnbekanntschaft die mir bis Fulda die Ehre erwies.
Ein Gymnasiallehrer, noch ein Jahr bis zur Pensionierung. Er könne es kaum erwarten. Deutsch und Englisch unterrichte er, früher auch Geschichte und Politik. Aber es sei nicht mehr wie früher. Und er sei nicht der Typ der dem Bildungssystem stur folgen will. Er komme aus einer Künstlerfamilie, Kirchenmusiker und Pianisten. 
Still beobachtet hat er mich erst und heimlich meinen Text gelesen. Tz tz. 
Talent hätte ich, ob ich denn Journalistin sei. 
Nur mein Blog, nur mein Blog erwiderte ich, und erklärte dem älteren Herrn was heute so alles möglich ist. Von Amerika und wie ich mit meinen spannenden Geschichten die Welt verzauberte. 
Was ich denn sonst so mache, hakte er nach. Als Informatikstudentin kann und will ich mich nun wirklich nicht bezeichnen. Praktikantin klingt mir aber auch zu blöd. 
Mediengestalterin Bild und Ton lautete meine Antwort. 
Toll findet er das. Und dass ich so kreativ bin. Ich solle bloß nicht aufhören Künstler zu sein, zu musizieren, zu schreiben und Filme zu machen. Aber nur gute! 
Als ich ihm dann offen und ehrlich meine Befürchtungen und Ängste schilderte, dass ich nicht weiß wo die Reise hingehen soll und ich nicht weiß wo mein Platz ist, antwortete er mit den Worten eines weisen Mannes:
"Höre auf dein Herz. Und vergiss vorallem die anderen! Was die sagen ist für die gut, aber für dich vielleicht nicht. Wenn ich immer genau das machen würde was das Kultusministerium und die Eltern mir sagen wäre ich ein todunglücklicher Mann!"

Und dann stieg er aus.

Eine kurze Bekanntschaft durch puren Zufall. Und doch gibt sie mir Kraft und Zuversicht. 
Drum werde ich nicht in die Fußstapfen irgendwelcher angesehenen Gelehrten treten, ich will lieber meine eigenen machen! 
Und ihr dürft meine Spuren lesen. Und vielleicht führen sie eines Tages in ein Fernsehstudio, oder in ein Radiostudio, oder vielleicht einfach in die Ferne, an einen unbekannten Ort...

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